Von: Dr. Ulrich Schmid

Immer mehr Hochschulen, insbesondere in den USA aber zunehmend auch in Europa und Asien, reagieren mit neuen Online-Angeboten auf die weltweit sehr stark wachsende Nachfrage nach akademischer Bildung. Angesichts der hohen technologischen Innovationsdynamik kommt dabei auch der berufsbegleitenden Qualifizierung und dem „Life-Long-Learning“ ein höherer Stellenwert zu. Webbasierte Bildungsangebote, Video-Vorlesungen, MOOCs, kleine mobile Lerneinheiten oder größere umfassende Online-Kurse – mit oder ohne Zertifikat – werden inzwischen auf vielen internationalen Plattformen angeboten. Dahinter stehen manchmal einzelne Hochschulen und Institute, oft aber auch größere Konsortien und Verbünde – häufig auch in unternehmerischer Initiative oder Partnerschaft. Deutsche Hochschulen geraten dabei zunehmend ins Hintertreffen. Sollten sie deshalb den internationalen Bildungsplattformen ein nationales Angebot entgegenstellen?  In einer aktuell veröffentlichten Studie hat das mmb Institut gemeinsam mit neocosmo im Auftrag des Hochschulforums Digitalisierung die Machbarkeit einer solchen Plattform bestätigt. Dabei ist aber einiges zu beachten.

Betrachtet man die großen, internationalen Bildungsplattformen für offene akademische Kurse wie Coursera, edX oder FutureLearn, dann fällt auf, dass die traditionell Studierenden hier nur einen kleinen Anteil der Nutzer ausmachen: mit über 70% sind die „Life Long Learner“ heute klar in der Mehrheit. Das gilt übrigens auch für die hierzulande angebotenen Kurse und MOOCs. Für Berufstätige und Nicht-Studierende sind nicht primär Kreditpunkte relevant, sondern ein akuter fachlicher Bedarf, sei es an einem gesamten Kurs oder auch nur gezielt an einem bestimmten Teil. Kurzum: Immer mehr Menschen – auch und vor allem jenseits der „traditional students“ – suchen heute nach qualitativ hochwertigen akademischen Bildungsangeboten. Einschlägige Anbieter stoßen auf entsprechend hohes Interesse, nicht zuletzt bei Investoren. So konnte etwa das 2013 gegründete französische Unternehmen „Open Classrooms“, das sich auf akademische Qualifizierungsangebote rund um „21st Century Skills“ fokussiert, vor kurzem eine zweite Finanzierungsrunde über 60 Mio $ abschließen.

Gerade wenn es um aktuelle Wissensthemen geht, wird man heute natürlich vor allem via Google oder YouTube fündig: Videovorlesungen, Erklär-Filme und Online-Kurse akademischen Inhalts gibt es inzwischen zu Tausenden offen und kostenfrei im Netz. Wie der Monitor Digitale Bildung zeigt, gehört Weiterbildung per Internet für jeden zweiten Deutschen bereits zum Alltag. Für digitale Angebote auf akademischem Niveau können dabei drei unterschiedliche Marktsegmente unterschieden werden:

Nutzergenerierter Micro-Content: Dieses Segment zeichnet sich durch hohe bedarfsorientierte, situative Nutzung aus. Auf den diversen Plattformen werden Mitschriften, Lern- und Übungsmaterialien ebenso wie Video-Vorlesungen publiziert, geteilt, bewertet und wiederverwendet. Anbieter sind beispielsweise Youtube, TEDx oder auch speziell auf das Studium fokussierte Studienaustauschplattformen wie Studydrive. Auch hochschulische Lern-Management-Systeme auf Basis von Moodle, ILIAS, stud.ip oderOLAT werden oft genau dazu genutzt, um Lehrmaterialien rund um die Präsenzlehre bereitzustellen. Das Segment ist gekennzeichnet durch ein hohes Wachstum und hohe Bedeutung im Studienalltag.

Open Learning und MOOCs: Diese Angebote sind zumeist auf systematisch(er)e Wissensvermittlung ausgerichtet und didaktisch aufwendig(er) gestaltet. Dabei können offen zugängliche, nicht tutoriell unterstützte Kurse einerseits von tutoriell betreuten, zertifikatsorientierten Kursen andererseits unterschieden werden. Anbieter in Deutschland sind openHPI, OnCampus, die Hamburg Open Online University HOOU (die sich derzeit noch im Aufbau befindet) sowie (ehemals) iversity und KIRON als private Anbieter. International ist dieses Marktsegment von einem hohen Wachstum gekennzeichnet. Jeden Monat entstehen zwischen 70 und 140 neue Online-Kurse (vgl. hierzu auch aktuell: https://qz.com). Die meisten Teilnehmer sind älter als 25 Jahre und damit typischerweise nicht den Studierenden, sondern eher den Berufstätigen zuzurechnen. Während bisher die meisten Kurse im nicht-tutoriell gestützten Bereich entstanden sind, werden derzeit viele neue Kurse als tutoriell begleitete Angebote entwickelt und bieten somit auch die Möglichkeit, offizielle Kreditpunkte zu erwerben.

Virtuelles Studium: Hierbei handelt es sich um Fernstudienangebote bzw. virtuelle Studiengänge mit formalen akademischen Studienabschlüssen. Teilnahmevoraussetzung ist in der Regel die Immatrikulation an der anbietenden Hochschule oder einer definierten Partnerhochschule. Studierende, die sich für einen Studiengang in diesem Segment entscheiden, haben Rechte und Pflichten entsprechend der jeweiligen Studienordnung. Das Marktsegment der virtuellen Studiengänge und Fernstudienangebote ist ein in Deutschland moderat wachsendes Marktsegment. Zu den Anbietern in diesem Bereich zählen u.a. die Virtuelle Hochschule Bayern, der Verbund der virtuellen Fachhochschulen in Deutschland, die Fernhochschule Hagen, der Virtuelle Campus Rheinland-Pfalz, die Fernhochschule WINGS sowie nicht zuletzt etablierte Fernstudienanbieter in Oldenburg, Kaiserslautern und anderen Hochschulen und Universitäten .

Die virtuelle Zurückhaltung der deutschen Hochschulen hat viele Gründe
Deutsche Hochschulen sind heute also überwiegend im letztgenannten Bereich des Fernstudiums und der virtuellen Studiengänge aktiv. Hierfür existieren seit vielen Jahren in fast jedem Bundesland Angebote und Plattformen. Auch die Nutzer-generierten Inhalte erfreuen sich hierzulande einer steigenden Nachfrage. Zurück liegt Deutschland vor allem im Bereich des international gesehen immer wichtiger werdenden Open Learnings, also bei überwiegend „informellen“ Kursen zur persönlichen Weiterbildung und bei tutoriell betreuten, offenen Online-Studienmodulen: Hier stellen deutsche Hochschulen gerade einmal 180 von weltweit inzwischen rund 8.000 Online-Kursen und MOOCs.

Die Gründe für die virtuelle Zurückhaltung der deutschen Hochschulen wurden bereits häufig untersucht, zuletzt im „Monitor Digitale Bildung“ (2017). Demnach liegt es nicht primär an der technologischen Infrastruktur für die digitale Lehre. Denn diese befindet sich vielfach auf einem zufriedenstellenden Niveau. Als Hemmnisse werden vielmehr fehlende Anreize für Lehrende (Anrechenbarkeit des Aufwands für die virtuelle Lehre), mangelnde mediendidaktische Kompetenzen, urheberrechtliche Fragen, Probleme beim Leistungstransfer über Ländergrenzen hinweg und nicht zuletzt unzureichende finanzielle Ressourcen und Schwierigkeiten bei der hochschulinternen Leistungsverrechnung zwischen akademischer Weiterbildung und Studium genannt. Nicht unwesentlich scheint auch das eher schwach ausgeprägte digitale „Mindset“ vieler Hochschullehrender zu sein: Die Bereitschaft, digitale Medien in der eigenen Lehre systematisch einzusetzen bzw. solche Angebote eigenständig zu entwickeln und öffentlich anzubieten, ist hierzulande nach wie vor gering: eine systematische Verankerung virtueller Lehr- und Lernangebote findet in der Breite der deutschen Hochschulen bislang weder im grundständigen Studium noch im Bereich der Weiterbildung statt.

Dabei eröffnen, wie Beispiele aus der akademischen Lehre zeigen, gerade die offenen virtuellen Angebote interessante neue Möglichkeiten für Blended Learning oder Flipped Classroom Szenarien: So werden offene Kursangebote beispielsweise zunehmend als Vor- oder Brückenkurse mit der Präsenzlehre verknüpft und Lehrende setzen offene Kurse als Veranstaltungs-begleitenden „Lektüre-Ersatz“ ein, um sich in ihrer Präsenzlehre verstärkt auf Gruppenarbeit, Diskussion und andere soziale Lernformate zu fokussieren. Die steigende Verfügbarkeit von offenen Lernressourcen unter freien Lizenzen ermöglicht die Wiederverwendung von Inhalten und reduziert damit den Aufwand für digitale Lehre deutlich. Mit dem Zusammenwachsen von vormals separierten Lern-Kontexten, -Formaten und -Kulturen verwischen auch die Grenzen zwischen dem traditionell präsenzorientierten grundständigen Studium einerseits und der eher online-basierten akademischen Weiterbildung andererseits.

Ein bildungspolitisch großer, aber notwendiger Wurf
Etablierte Anbieter virtueller Studienangebote hierzulande wie die Virtuelle Hochschule Bayern reagieren auf diese Entwicklung, indem sie ihre Kurse inzwischen stärker modularisieren und öffnen. Doch noch ist das Angebot deutscher Hochschulen in diesem Segment sehr überschaubar. Eine gemeinsame hochschul- und länderübergreifende Bildungsplattform könnte hier Abhilfe schaffen und die virtuelle Vernetzung und Öffnung des akademischen Bildungssystems vorantreiben. Doch wie könnte und sollte eine solche Plattform aussehen, damit sie einerseits den Anforderungen der Anbieter (sprich der Hochschulen und der Lehrenden) und andererseits den Bedarfen der Nachfrager und Nutzer (sprich den Studierenden, Berufstätigen und Weiterbildungswilligen) entspricht?

Eine Plattform, die das bestehende Online-Lehrangebot der Hochschulen im Sinne eines gemeinsamen Kurskatalogs nur datentechnologisch vernetzt und in der Breite zugänglich macht, könnte angesichts der bisherigen Zurückhaltung vieler Hochschulen in der Online Lehre aktuell wohl nur ein recht punktuelles und zerstreutes Bildungs-Portfolio bereitstellen. Die Heterogenität der Anbieter und Angebote wirft dabei auch zentrale Fragen nach Usability, Interoperabilität und verbindlichen Standards auf. Eine Plattform, die ganz gezielt neue, attraktive Online-Bildungsinhalte für bestimmte Nutzergruppen entwickelt, könnte hingegen weder in die Breite des Hochschulsystems wirken noch als (technische) Lösung für die vielen Hochschulen ohne eigene Plattform dienen. Es bräuchte also wahrscheinlich beides: Einerseits eine technologisch zeitgemäße Plattformlösung, die das vorhandene und künftig entstehende digitale Angebot der Hochschulen maximal vernetzt und erschließbar macht, und andererseits neue Inhalte, Kurse, MOOCs, Video-Lectures aus den Hochschulen heraus, die didaktisch, fachlich und methodisch gleichermaßen attraktiv wie hochwertig sind und daher auf ein breites Interesse der Nutzer aus Hochschulen, Unternehmen und dem privaten Umfeld rechnen dürfen. Eine solche Kombination aus gezielt nachfrageorientierten Bildungsinhalten für den Bereich des Life-Long-Learnings einerseits und einer systematischen Vernetzung bestehender virtueller Bildungsangebote aus den Hochschulen andererseits wäre bildungspolitisch ein großer Wurf. Dass er notwendig ist, hat die Politik im Koalitionsvertrag erkannt. Dass er machbar ist, hat die eingangs erwähnte Studie bestätigt. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an!

 

Dieser Beitrag ist zuerst auf www.digitalisierung-bildung.de erschienen.